StartseiteKunst in der KanzleiEduardo Paolozzi

1924 geboren in Edinburgh als Sohn italienischer Einwanderer, lebt in London

1943 begann er mit dem Studium am Edinburgh Collage of Art und nach einer Unterbrechung durch den Militärdienst setzte er sein Studium an der Slade School of fine Art in Oxford und London fort.

Seine Arbeitsgebiete sind Zeichnungen, Graphiken, Callagen Reliefs, Objekte und Skulpturen.

Von vielen Auszeichnungen ist vielleicht der "Britische Kritikerpreis" 1953 hervorzuheben. Seine Arbeiten sind in fast allen wichtigen Museen und Galerien der Welt ausgestellt worden und sind darüber hinaus in vielen Sammlungen und auf öffentlichen Plätzen zu sehen.

Nach Lehrtätigkeiten in London, Hamburg, Berkely (USA) und Köln hat Eduardo Paolozzi seit 1984 eine Professur für Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München inne.


Im Banne der Technologien

In dreizehn Jahren, am Silvesterabend, werden die Überlebenden dieses außergewöhnlichen Jahrhunderts das Jahr 2000 feiern. Die Überlebenden werden auf ein Zeitalter zurückblicken, in dem eine willfährige Gesellschaft mit kaum vernehmbarem Protest oder Kommentar die Tatsache hinnimmt, daß ein Militärbomber ebenso viel kostet wie der Bau einer großen Universität, oder daß die wissenschaftliche Erforschung chemischer Kriegsführung genauso viel Energie und Fachwissen versclingt wie die Wiederherstellung der großen europäischen Flüsse in ihrer ursprünglichen Reinheit, um nur ein Beispiel für solch edle Ziele zu nennen. Die Bilder jenes Abends vor der Jahrhundertwende, die sich in meiner Vorstellung aufdrängen, erinnern an die Anfangsszenen aus dem Film Bladerunner - einer geschliffenen, dabei aber enorm schmutzigen Vorstellung, in der das Schöne Hand in Hand geht mit Grotesken von Bosch, die in Schach gehalten werden durch Grotesken von Da Vinci, und wo alle zusammen unter einem Schirm Schutz suchen vor saruem Regen. Die Szene erinnert nicht wenig an jüngste Vorgänge in Deutschland, wo man den Sand aus Kinderspielgruben abtragen mußte (wohin?) und wo das Trinken von Milch und der Genuß von Salat als höchst gefährlich angesehen wurde.

Ständig erreichen uns in diesen Tagen neue Nachrichten über die anhaltende Verschutzung der Erde, Nachrichten über die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe, nach der noch immer zahllose Schafe in Wales und Schottland schwer verseucht sind und ganze Rentierherden in Lappland abeschlachtet und unter radioaktiver Warnung im Boden vergraben werden. Man ahnt das mögliche Ende der Kultur der Lappen, einer Kultur, die als beispielhaft gegolten hat für die Fähigkeit der Menschen in der heutigen Zeit, gemeinsam zu schaffen in Harmonie mit den Tieren und der Natur.

Und man hört von der Tragödie der Regenwälder am Amazonas, mit schnell schwindender Tier- und Pflanzenwelt, die mutwillig und aus Habsucht vom Menschen zerstört wurd; man hört von der anhaltenden Verseuchung der Großen Seen in Kanada durch die Industrie, von der überflüssigen Jagd auf Wale durch die Japaner, von der drohenden Ausrottung der Flußpferde, von gefährlichen Lücken in den Ozonschichten über der Antarktis. Bei dem herrschenden Verständnis über Aufbau, Zielsetzung und Verwaltung unserer Gesellschaft, in der die moderne Technologie sich allzu leicht vo der ehrgeizigen Karren primitiv denkender Politieker spannen läßt, sucht man oft vergeblich nach Zeichen für ein Innehalten dieser taumelnden Bewegung der Welt ins Verderben.

Solche Gedanken ziehen sich durch meine Arbeit wie ein roter Faden. Und doch reflektiert die Graphik für die F.A.Z - "Die Sonne verglüht, während sich der Mensch im Banne der neuen Technologien stehend, vom ungeborenen Kind abwenden" - nicht nur die negative Seite menschlichen Verhaltens, sondern mit betontem Optimismus auch die positive Seite. Einem idealistischen Wissenschaftler ist nicht nur daran gelegen, Heilmethoden gegen tödliche Krankheiten zu erforschen, sondern auch daran, den scheinbar unabwendbaren und endgültigen Zusammenbruch ökologischer Systeme zu verhindern. Wissenschaftliche Experimente und Entdeckungen sowie politischer Wille könnten wegbereitend sein zum Aufbauen statt Zerstören.

Im Haus der Kunst in München steht eine große Skulptur von mir, die in mehrfacher Hinsicht Symbolcharakter hat. Es ist ein großer Aluminiumbehälter, der eine Reihe achtlos weggeworfener plastischer Gegenstände enthält, die Verschwendung (Waste - der Name der Skulptur) ausdrückt. In diesem expressionistischen Haufen ist auch eine große, gemeißelte Büste von John F. Kennedy. Dieses simple Detail steht einerseits für Naturalismus als Gegengewicht zur Abstraktion sowie andererseits für das bewunderte Ideal, das von fremden, negativen, gesellschaftlich unverstandenen Kräften zerstört wird. Die bizarre, schöne Plastik waste steht im Gegensatz zu einem anderen meiner Werke, das sich im Garten der Alten Pinakothek befindet. Es ist ein großes, gußeisernes Gebilde, das aus sechs Würfeln und zwei Kugeln besteht und For Leonardo (Für Leonardo) heißt. Die Skulptur hat etwas einladend Geselliges und soll Kinder zum Klettern animieren; sie erinnert in ihren Formen symbolisch an das Zeitalter der Aufklärung und legt den Schluß nahe, daß Mathematik und Geometrie immer noch einen Sinngehalt haben, der losgelöst ist von den Debatten und Streitkeiten zwischen verfeindeten Nationen und vor dem Zusammenbruch stehenden Gesellschaften.

Das größte Anliegen des Künstlers muß es sein, den menschlichen Verstand bis zum Jahre 2000 auf diesen Sinngehalt zu lenken.


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